Nachhaltig & Stark
Warum ich meine Leder-Geldbörse verbannt & mich vermeintlich für ein "Papier"-Portemonnaie entschied
Von Lena Berger – Industriedesignerin, Urbanistin, Minimalistin

Ich erinnere mich noch genau: Es war ein verregneter Donnerstagnachmittag in Berlin, als mein altes Lederportemonnaie endgültig den Geist aufgab. Der Reißverschluss hakte, das Kleingeldfach war eingerissen, und der fette Klumpen aus Karten, Kassenzetteln und Bonuspunkten drückte unangenehm in meiner Tasche.
Ich stand an der Kasse eines Unverpacktladens und dachte: „Warum schleppe ich eigentlich dieses klobige Teil noch mit mir herum?“ Ich bin jemand, die auf Nachhaltigkeit achtet, ihren Konsum reflektierte – aber mein Portemonnaie war aus Rindsleder, produziert irgendwo in Fernost. Die Ironie tat weh.
An diesem Abend googelte ich: „nachhaltiges Portemonnaie minimalistisch“ – und stieß auf ein Produkt, das ich für einen Scherz hielt: Papier-Portemonnaie.
Papier? Ernsthaft? – Die Sache mit dem Tyvek®
"Das kann doch nicht halten." – Das war mein erster Gedanke. Ich bin Designerin. Ich kenne Materialien. Papier ist für Origami, nicht für den Alltag. Doch dann las ich weiter.
Das Geheimnis liegt im Material: Tyvek®. Ein Markenprodukt einer luxemburgischen Firma. Technisch gesehen ist Tyvek kein Papier, sondern ein Vliesstoff aus hochverdichteten Polyethylenfasern – federleicht, reißfest, wasserabweisend und recycelbar.
Tyvek wird in der Architektur verwendet, als Schutzkleidung in Reinräumen, sogar für medizinische Verpackungen. Es ist widerstandsfähig wie Kunststoff, aber viel leichter – und komplett recycelbar im PE-Kreislauf.
Plötzlich machte das alles Sinn. Dieses "Papier“-Portemonnaie war kein Witz – es war ein durchdachtes Produkt. Ein Beispiel für funktionales Design, das ökologisches Bewusstsein nicht nur behauptet, sondern lebt.

Alltagstest: 12 Monate, 4 Reisen, 1 Portemonnaie
Ich bestellte mein erstes Paprcuts Wallet – mit einem grafischen Design in Grüntönen, inspiriert von Japan. Beim Auspacken war ich überrascht, wie robust es sich anfühlte: wie eine Mischung aus Stoff und Papier, leicht strukturiert, aber stabil.
Seitdem sind 12 Monate vergangen. Ich war mit diesem Portemonnaie in Barcelona, Wien, Lissabon und auf einem Musikfestival in der Uckermark. Es wurde nass, eingeklemmt, zerknittert – aber es hielt. Noch immer.
Die Kanten sind leicht patiniert, aber nicht eingerissen. Der Druck ist intakt. Und was mich am meisten überrascht: Es sieht irgendwie besser aus als am Anfang.
Kein anderer Alltagsgegenstand hat mich so oft auf meine Werte zurückgeworfen. Jedes Mal, wenn ich es zücke, werde ich gefragt: "Was ist das?" Und jedes Mal antworte ich mit: "Ein Statement.“

Design trifft Haltung – Warum Minimalismus mehr als ein Trend ist
In meiner Arbeit als Industriedesignerin beobachte ich viele Trends. Einer davon ist der Übergang vom Statussymbol zum Sinnsymbol. Es geht nicht mehr darum, zu zeigen, was man sich leisten kann – sondern wofür man steht.
Ein Portemonnaie, das aussieht wie Papier ist kein Understatement. Es ist ein neues Statement:
- weniger Gewicht, physisch und mental
- nur das Nötigste mit mir
- bewusst – auch bei kleinen Dingen
Laut Studien von Zero Waste Europe fallen pro Kopf in Deutschland jährlich rund 225 kg Verpackungsmüll an – der Großteil davon aus Kunststoff und Verbundmaterialien. Tyvek hingegen ist monomaterial und recycelbar.
Und ja, auch ein Portemonnaie kann einen Unterschied machen – nicht allein, aber im Gesamtbild eines Lebensstils, der nicht auf Verschwendung, sondern auf Verantwortung basiert.
Aber ist das wirklich nachhaltig? – Ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen
Ich bin kritisch. Ich will wissen, wie Dinge produziert werden. Also habe ich nachgefragt: Wie sieht’s aus mit der Produktion, der Lieferkette, dem Materialkreislauf?
Paprcuts produziert die Portemonnaies in Berlin, Polen & Tschechien. Die Designs stammen oft von unabhängigen Künstler:innen & coolen Brands. Das Tyvek kommt aus zertifizierten Quellen und ist vollständig recyclebar.
Natürlich ist auch Tyvek ein Kunststoff. Wer 100 % natürliche Materialien will, wird hier nicht fündig. Aber: Tyvek ist langlebiger, leichter recycelbar und klimaschonender als Leder oder billige Kunstlederprodukte.
Ein Lederportemonnaie verursacht – je nach Herkunft – bis zu 10 kg CO₂. Ein Tyvek-Wallet liegt weit darunter, vor allem durch die regionale Produktion und das geringere Transportgewicht.
Kurz: Es ist kein perfektes Produkt. Aber es ist ein konsequent durchdachtes & ehrliches, und das ist selten genug.

Fazit: Es geht nicht ums Portemonnaie. Es geht um dich.
Was habe ich gelernt in einem Jahr mit einem „Papier-Portemonnaie“?
Mehr als gedacht. Ich habe gelernt, dass gute Gestaltung nicht laut sein muss. Dass Leichtigkeit ein Prinzip sein kann – nicht nur in der Tasche, sondern auch im Kopf.
Ein Portemonnaie aus Tyvek ist vielleicht klein. Aber es steht für etwas Großes: für einen neuen Zugang zu Konsum, zu Design, zu Alltag.
Und ja – es hält. Es überrascht. Es inspiriert. Und es verbindet, durch Gespräche an der Kasse, unter Freunden und auf Familienfeiern.
Noch ein letzter Gedanke: Wenn du morgens dein Portemonnaie einsteckst, stell dir nicht nur die Frage: "Was passt da rein?" – sondern auch: "Was passt zu mir?"



























